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Sie geben es doch nur für Alkohol aus
Hartnäckiger Mythos 1
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Hartnäckiger Mythos 1
Sandino ScheideggerÜbersetzt aus demEnglischen
Dieser Artikel ist Teil der Serie Fünf hartnäckige Mythen über Geldtransfers
Fragt man jemanden, was passiert, wenn man einer in Armut lebenden Person Bargeld gibt, sollte man auf die Pause vor der Antwort achten. Die höfliche Version lautet "aber woher wissen wir, dass sie es sinnvoll ausgeben?" Eine weniger höfliche Antwort deutet an, dass das Geld für Alkohol, Zigaretten, ein Lottoticket oder in der Bar ausgegeben wird.
Es ist der älteste Einwand überhaupt. Er ist zudem eindeutig falsch.
Im Jahr 2017 trugen zwei Forscher der Weltbank, David Evans und Anna Popova, Daten aus 30 Studien aus Afrika, Asien und Lateinamerika zusammen. Die Frage war einfach: Wie verändern sich die Ausgaben für Alkohol und Tabak, wenn arme Haushalte Bargeld erhalten?
Die Antwort war fast überall dieselbe. Die Ausgaben für sogenannte „Verführungsgüter“ blieben unverändert oder gingen zurück. An manchen Orten sanken sie sogar drastisch. In keiner der 30 Studien führten Geldtransfers zu mehr Alkoholkonsum oder Rauchen. Der Mythos wurde 30 Mal an 30 Orten widerlegt.
Was kauften die Menschen also tatsächlich? Lebensmittel. Schulgebühren. Medikamente. Eine Ziege. Waren für einen kleinen Laden. Die ganz alltäglichen Dinge, die das Leben möglich machen.
Nehmen wir einmal an – entgegen aller Beweislage –, dass ein Teil des Geldes tatsächlich ab und zu für einen Drink ausgegeben wird. Das mag uns vielleicht nicht gefallen, aber haben wir das Recht, darüber zu urteilen?
Stell dir ein normales Wochenende in einem wohlhabenden Haushalt vor. Ein Glas Wein am Freitag, während du gemeinsam mit deinem Lieblingsmensch kochst. Ein paar Bier mit Freunden am Samstag. Eine Runde in der Bar, die mehr kostet als eine Woche Schulgeld im ländlichen Sierra Leone. Niemand verlangt von uns, dies zu rechtfertigen. Niemand überprüft, ob wir uns das Recht auf Entspannung verdient haben. Für uns gehört ein wenig Genuss einfach zum Menschsein dazu.
Das ist der Aspekt, über den es sich nachzudenken lohnt. Wir behalten die kleinen Freuden eines normalen Lebens für uns selbst und erwarten dann von den Armen, dass sie keine ihrer eigenen geniessen. Wir vertrauen darauf, dass wir selbst wie Erwachsene mit Geld umgehen können, und verlangen im Gegenzug von ihnen, dass sie ihre Kompetenz erst unter Beweis stellen. Diese Doppelmoral ist älter als jeder von uns, und meistens merken wir gar nicht, dass wir sie verinnerlicht haben.
Wenn sich jemand Sorgen macht, dass Geld missbraucht werden könnte, sagt das etwas über ihn selbst aus. Es ist eine einfachere Art von Grosszügigkeit. Sie lässt die Wohlhabenden zwei Dinge zugleich empfinden: Freundlichkeit, weil wir helfen wollten. Sicherheit, denn wenn wir zu dem Schluss kommen, dass sie es verschwenden würden, müssen wir es ja gar nicht erst geben.
So können wir uns in unserer vermeintlichen Güte, helfen zu wollen, bestätigt fühlen und uns gleichzeitig auf vermeintliche Vorurteile berufen, die uns davon entbinden, tatsächlich etwas zu unternehmen und zu geben.
Dieser Artikel ist Teil der Serie Fünf hartnäckige Mythen über Geldtransfers
Sandino Scheidegger