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Mikrokredite klingen grossartig
Warum bieten wir sie dann nicht an?
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Warum bieten wir sie dann nicht an?
Sandino ScheideggerÜbersetzt aus demEnglischen
Wenn es um Armutsbekämpfung geht, werden wir oft gefragt: „Was ist mit Mikrokrediten?“ Das ist eine gute Frage. Mikrokredite weckten einst weltweit Hoffnungen als revolutionäre Lösung für das Problem der Armut. Doch die Realität hat sich als komplizierter erwiesen und die anfänglichen Erwartungen haben sich nicht erfüllt. In diesem Artikel erklären wir, warum wir uns für einen anderen Ansatz entschieden haben.
Beginnen wir mit den Grundlagen, um sicherzustellen, dass wir über dasselbe sprechen. Im Zusammenhang mit der Armutsbekämpfung bezeichnet der Begriff „Mikrokredite“ Kleinkredite – oft zwischen 50 und 500 US-Dollar –, die an Menschen in Armut vergeben werden. Diese Kredite sind mit Zinssätzen verbunden, die in der Regel zwischen 20 % und 30 %, manchmal sogar noch höher. Ziel ist es, den Empfänger:innen dabei zu helfen, kleine Unternehmen zu gründen und ihren Lebensgrundlagen zu verbessern.
Hohe Rückzahlungsraten – oft mit 95 % und mehr – werden häufig als Beweis dafür angeführt, dass Mikrokredite ihr angestrebtes Ziel erreichen. Wir bezweifeln zwar nicht die Richtigkeit dieser Zahlen, doch es gibt Anlass zu der Frage, wie genau sie interpretiert werden sollten – darauf werde ich gleich noch eingehen.
Mikrokredite rückten ins globale Rampenlicht, als Muhammad Yunus und seine Grameen Bank im Jahr 2006 den Friedensnobelpreis für ihre bahnbrechende Arbeit erhielten. Indem sie vor allem Frauen Kredite gewährten, trugen sie dazu bei, die Sichtweise auf die Kreditvergabe an arme Menschen neu zu definieren – weg von der Wahrnehmung als riskant oder ausbeuterisch hin zur Anerkennung als Instrument zur Stärkung der Eigenständigkeit und zur Armutsbekämpfung.
In den folgenden Jahren nahmen Ökonomen Mikrokredite genauer unter die Lupe. Sechs grosse, unabhängige Studien, die Anfang der 2010er Jahre in Ländern von Indien bis Mexiko durchgeführt wurden, kamen zu einem auffallend ähnlichen Ergebnis: Im Durchschnitt erzielten Empfänger:innen von Mikrokrediten im Laufe der Zeit kein höheres Einkommen.
Einige Studien zeigten zwar bescheidene Vorteile, etwa mehr Zeit, die für geschäftliche Aktivitäten genutzt wurde, oder geringfügige Veränderungen im Ausgabeverhalten. Doch insgesamt blieben die Auswirkungen begrenzt.
Der Nobelpreisträger Abhijit Banerjee fasste es in der Metaanalyse dieser sechs Studien folgendermassen zusammen: „Wir stellen ein konsistentes Muster mässig positiver, aber nicht transformativer Effekte fest.“
Für einige waren die ernüchternden Ergebnisse dieser Studien eine Überraschung. Für andere bestätigten sie lediglich, was längst vermutet wurde: Die Erwartungen an Mikrokredite waren von Anfang an zu hoch. Der Ökonom Bruce Wydick formulierte es treffend:
“Als sie in den USA Kreditkarten einführten und fast jeder Zugang zu einem Kredit hatte, hat das Millionen aus der Armut befreit? Nein.”
Tatsächlich sind heute viele Amerikaner:innen mit niedrigem Einkommen durch erdrückende Kreditkartenschulden belastet, was verdeutlicht, dass der Zugang zu Krediten nicht zwangsläufig finanzielle Sicherheit bedeutet.
Unser Fazit: Mikrokredite mögen zwar ihren Wert haben, doch sie haben nicht den tiefgreifenden wirtschaftlichen Wandel gebracht, den sich viele einst erhofft hatten.
Die ersten Hoffnungen auf Mikrokredite waren riesig. Und auch wenn sie nicht Millionen von Menschen aus der Armut befreiten, brachten sie dennoch spürbare Vorteile:
Mehr finanzielle Wahlmöglichkeiten: Mit klaren und fairen Regeln bieten Mikrokredite eine sicherere und verlässlichere Alternative zur informellen Kreditvergabe. Die Menschen wissen, wann sie unter welchen Bedingungen Zugang zu einem Kredit haben. Durch kleine, regelmässige Rückzahlungen können sie Vertrauen aufbauen und sich für zukünftige Kredite qualifizieren. Ausserdem kann dies die soziale Belastung mindern, die mit der Kreditaufnahme bei Freunden oder der Familie einhergeht.
Besserer Zugang: Mikrokredite trugen dazu bei, den Zugang zu Finanzdienstleistungen zu erweitern und die finanzielle Inklusion zu fördern. Eine ihrer wichtigsten Errungenschaften war es, Finanzdienstleistungen in unterversorgte Gemeinschaften zu bringen, insbesondere zu Menschen, die in Armut leben und oft vom formellen Bankensystem ausgeschlossen sind. Durch Gruppen mit gemeinsamer Haftung konnten viele zum ersten Mal Kredite in Anspruch nehmen.
Ein skalierbares Modell: Die Vergabe von Kleinkrediten wurde nicht erst durch Mikrokredite erfunden. Menschen haben schon immer Kredite innerhalb ihres sozialen und geschäftlichen Umfelds aufgenommen und tun dies auch heute noch. Was Mikrokreditinstitute geleistet haben, war, diesen Prozess zu formalisieren, externe Finanzmittel zu gewinnen und die Kreditvergabe in grösserem Umfang zu ermöglichen, auch an diejenigen, die keinen Zugang zu informellen Möglichkeiten haben. Im Jahr 2023 waren etwa 173,5 Millionen Menschen Mikrokreditnehmer:innen.
Lokale wirtschaftliche Stabilität: In vielen einkommensschwachen Regionen sind Mikrokredite zu einem festen Bestandteil des Finanzsystems geworden und sind schwer zu ersetzen. Ein Beispiel: In ländlichen Regionen Indiens führte die Schliessung von Mikrokreditinstituten zu sinkenden Löhnen – ein Hinweis darauf, dass Mikrokredite dazu beigetragen haben, eine grundlegende wirtschaftliche Aktivität aufrechtzuerhalten. Wirtschaftliche Stabilität in einer Region verändert das Leben eines Menschen in Armut nicht automatisch, kann aber in fragilen Kontexten entscheidend sein.
Mit der zunehmenden Verbreitung wuchsen auch die Bedenken. Als Tausende von Mikrokreditinstituten entstanden, arbeiteten nicht alle ethisch einwandfrei. Einige verlangten ausbeuterische Zinssätze. Andere setzten starre und mitunter aggressive Rückzahlungssysteme durch.
In Sierra Leone haben wir selbst erlebt, wie der Druck zur Rückzahlung Schaden anrichten kann. Besonders in Gruppenmodellen, bei denen alle Mitglieder füreinander haften, bleiben die Rückzahlungsquoten zwar hoch, doch die menschlichen Belastungen bleiben oft unsichtbar. Wenn eine Person in Zahlungsschwierigkeiten gerät, wirkt sich diese Belastung oft auch auf die anderen aus und führt zu Scham, sozialer Ausgrenzung oder Schikanen.
In einigen Fällen, vor allem bei Frauen, führte die Nichtrückzahlung sogar zur Inhaftierung – eine Strafe, die genau jene Familien trifft, die eigentlich unterstützt werden sollten.
“In solchen Situationen stehen die negativen Folgen von Mikrokrediten in einem krassen Missverhältnis zum ursprünglichen Ziel, Hilfe zu leisten.”
Wir glauben nicht, dass Mikrokredite grundsätzlich schädlich sind. Schlechte Akteure gibt es in jeder Branche – besonders, wenn es um Geld geht. Manchmal liegt das Problem auch in Richtlinien, die es nicht schaffen, die Schwächsten ausreichend zu schützen. Uns haben diese Geschichten vorsichtiger gemacht. Sie zeigen auf, was schiefgehen kann, wenn eine gut gemeinte Idee ohne ausreichende Schutzmassnahmen für die Menschen, denen sie helfen soll, zu schnell wächst.
Manche Kritiker argumentieren, dass Mikrokredite nicht nur unzureichend sind, sondern Ressourcen sogar falsch verteilen. Einige Kritiker argumentieren, dass Mikrokredite nicht nur unzureichend sind, sondern sogar zu einer Fehlallokation von Ressourcen führen. Indem Kapital in Unternehmen auf Subsistenzniveau mit begrenztem Wachstumspotenzial geleitet wird, könnte das Modell unbeabsichtigt grössere Investitionen blockieren, die Arbeitsplätze und systemische Veränderungen schaffen könnten.
Das ist eine berechtigte Sorge, auch wenn sie schwer zu belegen ist. Was jedoch klar ist: Mikrokredite verlagern das finanzielle Risiko oft auf die Ärmsten und zwingen sie, die Last des Unternehmertums zu tragen – meist ohne Sicherheitsnetz. Gleichzeitig haben Mikrokredite Banken und staatlichen Hilfsorganisationen erhebliche Gewinne eingebracht. Einige kritisieren, dass dieser Gewinn auf der Ausbeutung von Millionen schutzbedürftiger Menschen basiert.
Ja, wir hätten eine Mikrokredit-NGO werden können – motiviert durch gute Absichten und den echten Willen, etwas zu bewirken. Aber wir mussten uns fragen: Würde das den Menschen wirklich helfen, aus der Armut herauszukommen?
Hier sind die Hauptgründe, warum wir uns dagegen entschieden haben:
Was ist mit dem einen von zehn, der nicht zurückzahlen kann? Wenn 90 % der Kreditnehmenden erfolgreich zurückzahlen, was geschieht dann mit denen, die es nicht schaffen? Das ist kein kleines Detail - es ist eine schwerwiegende Folge. Bei Gruppenkrediten kann ein einziger Zahlungsausfall die gesamte Gemeinschaft belasten. Wir verstehen, dass Gruppendruck helfen kann, die Rückzahlungsquoten hoch zu halten. Aber die Frage ist: Zu welchem Preis? Eine Studie zeigte, dass über 60 % der Kreditnehmenden von Gruppenmitgliedern bedrängt oder belästigt wurden, Kredite zurückzuzahlen, die sie sich nicht leisten konnten. Das ist nicht die Art von Unterstützung, die wir anbieten wollen. Wir wollen Schaden vermeiden – nicht nur auf Nutzen hoffen.
Mikrokredite sind ressourcenintensiv. Die Verwaltung von Krediten und das Eintreiben von Zinsen erfordert eine komplexe Infrastruktur und ist mit erheblichen Kosten verbunden. Als kleine Organisation mit begrenzten Ressourcen war uns bewusst, dass diese Kosten letztendlich die Mittel reduzieren würden, die wir den Menschen in Not direkt geben könnten.
Wir würden es keinem Freund empfehlen. Würden wir jemandem, der ohnehin schon Schwierigkeiten hat, raten, einen Kredit mit 30 % Zinsen aufzunehmen? Wahrscheinlich nicht. Diese innere Überzeugung war uns wichtig.
Armut sieht nicht für alle gleich aus. Mikrokredite funktionieren in der Regel am besten bei Menschen, die bereits über unternehmerische Fähigkeiten verfügen. Sie setzen ein gewisses Mass an Selbstvertrauen, Chancen und Widerstandsfähigkeit voraus – darüber verfügen aber nicht alle Menschen. Unser Ziel ist es jedoch, alle Menschen zu unterstützen, die von Armut betroffen sind – nicht nur diejenigen, die bereit sind, ein Unternehmen zu gründen. Ältere Menschen, Pflegekräfte oder Menschen mit chronischen Krankheiten sind oft nicht in der Lage, sind nicht in der Lage, die Risiken des Unternehmertums auf sich zu nehmen. Dennoch verdienen sie Unterstützung, Stabilität und die Chance, sich eine bessere Zukunft aufzubauen – zu ihren eigenen Bedingungen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Mikrokredite sind eine Möglichkeit zu helfen und können in manchen Kontexten sinnvoll sein. Aber für uns war es nicht der richtige Weg.
Unserer Ansicht nach sollte Unterstützung den finanziellen Druck verringern – nicht verstärken. Wenn Geldzuwendungen helfen, Rückzahlungsforderungen aber zu neuem Stress führen, warum dann nicht kleine Beträge direkt spenden – ohne Bedingungen?
Das ist keine radikale Idee. Bedingungslose Geldtransfers gibt es seit Jahrzehnten und sie sind durch Organisationen wie GiveDirectly, die 2008 gegründet wurde, bekannter geworden. Sie basieren auf einer einfachen Überzeugung: Menschen wissen selbst am besten, was sie brauchen. Würde und Entscheidungsfreiheit sind keine Belohnungen – sie sind Ausgangspunkte für positive Veränderungen.
Für dieses Modell haben wir uns entschieden – eines, das neu definiert, wie sinnvolle Unterstützung aussehen kann: basierend auf Vertrauen, persönlicher Entscheidungsfreiheit und dem Verständnis, dass Stabilität der erste Schritt zu nachhaltiger Veränderung ist.
In einem zukünftigen Artikel werden wir genauer darauf eingehen, wie direkte Bargeldhilfe einige Schwachstellen von Mikrokrediten beheben kann – und was die Forschung über bedingungslose Ansätze zur Armutsbekämpfung sagt.
Diese Quellen lieferten Informationen und Kontext
)
von Elisabeth Malkin (The New York Times) am April 05, 2008
)
von Stephanie Wykstra (Vox) am Januar 15, 2019
)
von Banerjee, A., Karlan, D., & Zinman, J. (American Economic Journal) am Januar 01, 2015
Sandino Scheidegger